WAZ Wattenscheid bringt Interview mit Artur Nickel über 'Zwischen meinen Welten unterwegs' (27.1.2012) PDF Drucken E-Mail

Das Interview mit Bild ist unter folgendem link zu lesen:

http://www.derwesten.de/staedte/wattenscheid/ein-forum-fuer-die-jugend-id6286573.html

 

Wattenscheid.Was die Jugend denkt, fühlt, in welcher Welt sie lebt: Fragen, denen es auf den Grund zu gehen gilt. Das machen Andreas Klink und Dr. Artur Nickel in der siebten Auflage der Essener Anthologien. Erneut haben die beiden Herausgeber Heranwachsende aus dem Ruhrgebiet darum gebeten, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Im Gespräch mit WAZ-Mitarbeiter Christopher Becker schildert der Höntroper Artur Nickel (56), was dabei herausgekommen ist.

 

Sie sind selbst Vater von zwei Kindern. Wie sehen Sie die Welt der Jugend?

Nickel: Meine Tochter ist 18 Jahre alt, mein Sohn 13. Wenn ich mir die beiden anschaue, sehe ich, wie sie zu kämpfen haben. Es bestehen große Anforderungen von Außen und jeder sucht seinen Weg und seine Identität.

Wie helfen Sie dabei?

Wichtig sind Gespräche. Ich suche den Kontakt, Meinungsunterschiede können dabei vorkommen. Jugendliche sollten aber auch Dinge ausprobieren können, dafür sind wiederum Räume nötig.

Decken sich denn Ihre Eindrücke als Vater mit denen als Lektor?

Es gibt Übereinstimmungen. Jugendliche sind in ihren Welten unterwegs, nur manchmal stoßen sie auf Erwachsenenwelten. Die Vielfältigkeit der eingereichten Texte ist dahingehend überraschend. Ich wusste zwar, dass junge Menschen in verschiedenen Welten unterwegs sind, habe aber nicht damit gerechnet, dass es so viele gleichzeitig sind.

Was sind das denn für Welten?

Traumwelten und reale, positive und negative. Man weiß ja nicht, woran ein Jugendlicher gerade denkt, wenn er vor einem sitzt. Vielleicht ist er in einer bestimmten Welt mit mir verbunden, aber gedanklich woanders. Nur wenn Heranwachsende das zum Ausdruck bringen, ist es auch fassbar.

Hilft das Buch dem Lehrer Artur Nickel weiter?

Ja. Als Pädagoge hole ich die Jugend dort ab, wo sie ist. In den verschiedenen Kulturen zum Beispiel, oder in einer Krise. Man stößt in jungen Jahren schnell an seine Grenzen. Macht das Leben einen Sinn und soll ich überhaupt weiter leben? Was ist mit meiner Zukunft? Verzweiflungsstürme, die nur manchmal nach Außen treten.

Sind die Anthologien dafür ein Ventil?

Auf jeden Fall schlicht eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Kein psychologisches Programm, aber eine Chance, die Dinge zu reflektieren. Jugendliche sind, auch aufgrund ihrer Kulturen, in eigenen Welten unterwegs, doch die Türen sind offen. Es gibt die Möglichkeit, dort hineinzuschauen, zum Dialog. Aber wenn man dort zu Gast ist, sollte man sich benehmen.

Das heißt für die ältere Generation konkret?

Jugendliche gestalten ihre Welten bewusst und sind bereit, sich einzubringen. In den Beiträgen formulieren die Heranwachsenden sprachlich ihre Welt. Sie müssen aber geachtet werden. Fehlenden Respekt schildern die Texte auch. Es muss daher dem Raum gegeben werden, was sich entwickelt. Etwas lernen müssen gehört natürlich genauso dazu.

Umgekehrt: Wie blickt denn die Jugend auf die Welt der Erwachsenen?

Erstaunlich positiv. Die Welt der Erwachsenen gibt Raum, den sie brauchen. Für Demokratie, für die Persönlichkeit: Sie lernen dort, oft jedenfalls. Eine Tendenz der Dankbarkeit ist da, obwohl man individuell hinschauen sollte.

In der siebten Auflage – welche Entwicklung haben die Anthologien bis heute genommen?

Es ist wichtig, dass junge Menschen ein solches Forum haben. Sie sollten schreiben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, was ihnen auf dem Herzen liegt, mitteilen können. Denn da sind sie Fachleute. Ich finde es klasse, dass sich so viele junge Menschen finden, die sich einbringen. Denn allen Schwierigkeiten zum Trotz ist jeder Jugendliche ein toller Mensch. Als Lehrer sage ich das mit einem lachenden, und mit einem weinenden Auge.

Redaktion

 

wenn hier jeder jedem märchen erzählt
   
als ich in die straße
der glockengießer bog
klatschte mir ein fisch
vor die füße
etwas mager zwar
doch unverkennbar
ein butt

das ist ein starkes stück
schrie die fischersfrau
am küchenfenster
einfach davonzulaufen
es gibt kein asyl
für fisch und
schon gar nicht
für butt

wo kommen
wir denn hin
wenn hier jeder
jedem märchen erzählt

da stand ich nun
das märchenbuch im arme 
   

artur nickel




Gespräch von Andrea Riegel mit Dr. Artur Nickel, Lehrer an der Erich Kästner-Gesamtschule, Essen-Steele.


Wo kommen wir hin, wenn hier jeder jedem Märchen erzählt.



Nein, Märchen wird er uns bestimmt keine erzählen, auch wenn er das privat ab und an tut. Dr. Artur Nickel kennt  die Institution Schule von seinem ersten Schultag an bis zum Lehrerdasein heute. Ein Vollprofi, salopp gesagt, ein Mann von der Basis, und nur ein exemplarischer Stellvertreter für all die Lehrerinnen und Lehrer, die im beruflichen Alltag noch von Berufung sprechen. Die für ihre Schüler, für die Kinder und Jugendlichen, das Beste wollen, in ungebremster Aktivität - auch wenn das System, die sozialen Umstände und auch die Verwaltung oft nicht genügend Raum lassen. Deshalb an dieser Stelle auch einmal Dank und Anerkennung.

LW: Ein Blick zurück auf Ihre Schulzeit, das Studium und Ihren beruflichen Werdegang ...

Nickel: Geboren wurde ich in Marburg an der Lahn, dort habe ich ein humanistisches Gymnasium besucht. Studiert habe ich in Tübingen, danach ging es nach NRW. In Bonn konnte ich im Referendardienst bereits Berufsschule und Gymnasium kennen lernen. Es folgte die Arbeit in Dortmund an einer Berufsschule Richtung Metalltechnik, und zwar vom Berufsgrundschuljahr bis hin zur Fachoberschule. Seit 1991 bin ich hier an der Erich Kästner-Gesamtschule.

In welcher Funktion?

Einfach als ganz normaler Lehrer, mehr nicht. Fächer Deutsch und Religion. Ich mache das, was alle anderen auch machen, ich habe eine Klasse zu führen, im Moment eine 10. Klasse. Ansonsten bin ich Beratungslehrer in der Oberstufe, momentan im 13. Jahrgang, das heißt, es ist meine Aufgabe, diese Schüler zum Abitur zu begleiten.

In den letzten 30 Jahren hat sich im Schulwesen viel getan,  viele Reformen haben Sie am eigenen Leib erlebt.

Was aus meiner Sicht wichtig ist, sind Reformen, die da ansetzen, wo sie den Schüler direkt betreffen. Ich habe eher den Eindruck, dass da gar nicht so viel passiert ist. Die Reformen sind sehr äußerlich angelegt und treffen oftmals den Kern der Sache nicht, den Menschen, den Schüler. Schule hat sich gar nicht so sehr verändert. Um mit einem Bild zu sprechen: oft wurde ein Glas auf einem Tisch hin- und hergerückt, anstatt es ganz wegzunehmen. Aber wir müssen weiter daran arbeiten und die Rahmenbedingungen nicht außer Acht lassen. Andererseits: Die Schüler fordern uns heutzutage auch ganz anders.

Wie hat sich die Schülerschaft gewandelt? Wenn von Wertewandel geredet wird, dann oft über die Veränderung vom Sozialen zum Privaten?

Der Wandel zum Privaten ist flächendeckend in allen Altersgruppen eingetreten, auch bei den Erwachsenen. Wenn man Referendare fragt, die hier unterrichten, dann erscheint das Studium vielfach als ein Fachstudium, das nur sehr wenig mit einem persönlich zu tun hat. So wird es in den Universitäten angelegt. Es muss aber mit einem wirklich persönlich zu tun haben, wenn man vorankommen will. Also nicht nur einen Beruf haben, es muss auch eine Berufung sein. In welche Richtung auch immer. Da, wo es gelingt, das Private mit dem, was fachlich gefordert wird, zu verbinden, da gelingen oft Quantensprünge. Und das gilt für alle Berufsbereiche.

Bei meinen Schülerinnen und Schülern ist das genauso, sie begreifen vielfach Schule einfach als Arbeit, als Job. Sie kommen morgens in die Schule, dann muss etwas getan werden. Sie freuen sich, wenn der Nachmittag erreicht ist, und um vier Uhr sind sie froh und das soll es für den Tag gewesen sein. Als ob man zur Arbeit geht, wie im Schichtbetrieb am Band. Das kann es eigentlich nicht sein.

Wo sehen Sie Grund zur Besorgnis?

Ich empfinde die Entwicklung als dramatisch, vor allen Dingen, weil es keinen Königsweg gibt. Es ist eine ausgesprochen schwierige Situation. Die Wertvorstellungen sind in Frage gestellt, sicherlich auch mit Recht. Auf der einen Seite muss sich der Einzelne innerlich in sich selbst gründen. "Hier hab ich mein Zipfelchen, hier fang ich jetzt mal an". Viele sind jedoch unsicher, und dadurch entsteht oftmals eine Diffusion. Man kommt an den Punkt, dass keine wirklichen Leistungen mehr entstehen, dass gute Schüler nicht die Leistung erbringen, die sie erbringen können.

Auf der anderen Seite gibt es viele Schülerinnen und Schüler, die keine Perspektive haben, was ihre berufliche Zukunft betrifft. Von außen kommt kein Angebot. 160, 180 Schüler suchen eine Lehrstelle und nach einem halben Jahr haben gerade mal zwei einen festen Ausbildungsplatz. Die anderen melden sich an weiterführenden Schulen an, aber eigentlich wollen sie das gar nicht. Da herrscht eine massive Verunsicherung, und das merkt man. Die Verantwortlichkeit für unsere Kinder und Jugendlichen ist ein ganz entscheidender Faktor, und da fehlt es an allen Ecken und Enden. Es wird zwar viel darüber geredet, aber es muss bei den Jugendlichen auch ankommen.

Nehmen Sie die Eltern. Beispiel: 5. Klasse, erster Elternabend. Ich habe selbst zwei Kinder, mein Jüngster kommt demnächst in die Schule. Als Elternteil gehe ich natürlich davon aus, dass man hingeht, weil man wissen möchte, mit welchen Lehrern es das Kind zu tun hat. Von den 30 Kindern sind aber nur 10 Kinder durch ihre Eltern vertreten, am allerersten Elternabend - das spricht eine deutliche Sprache.

Was sind die Gründe? Neben dem Standort, denn in Essen-Bredeney sähe die Situation sicher anders aus.

In der EKG werden nicht wenige Kinder beschult, die in sozial schwierigen Verhältnissen leben, das ist richtig, insofern sind die Herausforderungen hier sicher andere. Wenn man nachfragt: Termin vergessen, keine Zeit, musste arbeiten, ganz unterschiedlich. Oftmals ist es mit Sicherheit Gleichgültigkeit, die dahinter steht, vielleicht auch einfach Frustration, die Schwierigkeiten, mit den eigenen Kindern umzugehen und nicht zu wissen, was man tun soll. Salopp gesagt, jeder darf Kinder bekommen, aber wie man mit Kindern umgeht, dafür bräuchte man eigentlich so etwas wie einen Führerschein oder eine Ausbildung. Aber man kann nicht nur den Eltern den schwarzen Peter zuschieben, oft sind sie mit ihren eigenen Schwierigkeiten beschäftigt und fühlen sich alleingelassen. Das ist natürlich auch für die Kinder eine Katastrophe. Ich nenne ein Beispiel. Ein Kind, dessen Aufenthaltsstatus immer für ein halbes Jahr verlängert wird, also alle halbe Jahre die bange Frage für Kind und Familie "Bleib ich oder geh ich?". Was soll da entstehen? Anderes Beispiel: Eltern lassen sich scheiden, es ist Gewalt in der Familie. Das Kind bekommt mit, wie der Vater die Mutter schlägt, wird selbst geschlagen, wechselnde Bezugspersonen, das Kind leidet. Stillstand. Wie kommt das Kind da heraus?

Kann die Schule hier überhaupt als Berater, als Helfer auftreten?

In der Form, wie sie im Moment aufgestellt ist, stößt sie da deutlich an ihre Grenzen, sie müsste viel mehr tun. Es gibt bei der Stadt entsprechende Anlaufpunkte, die sind sicher auch gut; aber in der Weise, wie es für die Kinder nützlich wäre, funktioniert es leider nicht. In dem Moment, wenn ein Kind bei uns auffällig ist und ich stelle fest, ich kann das nicht mehr beherrschen, im Rahmen meiner Möglichkeiten, dann wird die Abteilungsleitung informiert und man schaltet die entsprechenden Beratungsstellen ein. Die kommen sofort, das funktioniert. Aber wie es dann weitergeht ... der erste Termin für das Kind ist in vier Wochen, das ist erst die Vorbesprechung ... dann beginnt die eigentliche Therapie weitere vier Wochen später. Aber auch nur, wenn die Eltern zugestimmt haben und sich mit einbringen. Kinder brauchen sofort eine Lösung oder zumindest einen Weg, der weiterführt, da kann man nicht vier bis acht Wochen warten. Was mache ich in diesen Wochen im Unterricht? Das Kind muss ja weiterkommen. Wenn Lehrer anders ausgebildet wären, wenn die Schule insgesamt anders aufgestellt wäre, könnte man als Klassenlehrer, im Team, entsprechend ansetzen, zum Beispiel auf Elternabenden pädagogische Arbeit leisten. Aber dazu müssten die Eltern natürlich kommen. Das tun sie nicht. Es ist an manchen Stellen natürlich auch eine Anmaßung, was man da fordert.

Ein Ideal wäre doch sicher eine Coaching Abteilung an der Schule, ein Team für die seelischen Bedürfnisse der Schüler, Berater, die den Kontakt zu Eltern und städtischen Institutionen suchen.

Im Ansatz gibt es das, hier an der Schule sind z.B. Sozialpädagogen tätig. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Man muss einfach sehen, wie viele das betrifft. Da müssen regelmäßig Termine stattfinden, es muss regelmäßig mit den Kindern gearbeitet werden. Wenn ich dreißig Kinder in meiner Klasse habe und bei zehn davon brennt es lichterloh, dann ist das die Herausforderung - und es sind allein an dieser Schule 1200 Schüler. Und ob das alles in Essen - Bredeney – Sie sprachen davon - wirklich so grundlegend besser ist, das möchte ich doch bezweifeln. Vielleicht sind die Probleme dort anders.

Nach all den negativen Eindrücken gibt es hoffentlich auch Positives aus dem Schulalltag zu berichten?

Was ich immer wieder ausgesprochen positiv finde, sind die Kinder selbst. Was einem da entgegenkommt an Vertrauen, wenn sie zupacken, was da entstehen kann, es ist zum Teil unglaublich, wie sie über ihren Rahmen hinausgehen können. Mit Sicherheit nicht jeder, es gibt auch Beispiele, wo man vor einem Scheitern steht. Aber dann macht wieder ein Kind das Abitur, dessen Prognose der Gru8ndschule weit davon entfernt war. Und das ist kein Ausnahmefall. Die Gesamtschule schafft hier offene Räume, in denen Neues entstehen kann. Man sieht, es liegt nicht immer an der Leistungsfähigkeit, sondern ganz oft an den Rahmenbedingungen.

Was wir aber auch sehen, sind Kinder, die relativ sicher hier ankommen, man denkt, das geht gut, und dann fällt im häuslichen Rahmen ein Dominostein um, und es bricht alles zusammen. Schließlich bekommt das Kind nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Was die PISA Studie hierzu gezeigt hat, das merkt man ganz deutlich. Und dann freut man sich natürlich umso mehr über positive Entwicklungen, wenn die Kinder aufblühen. Wir sind hier natürlich in einem Prozess mit einem ständigen Auf und Ab. Aber es ist ein Moment, wo man sagt, das, was man in der Arbeit leistet, was man hineinsteckt, das macht Sinn. Es bringt die Kinder vorwärts.
             
In der EKG ist "Kulturarbeit" kein Fremdwort. Kunst und die Beschäftigung mit Neuen Medien gehören zu den inhaltlichen Schwerpunkten der Schule. Im Internet sind seit 1998 allein 63 Projekte aufgeführt, mit steigender Tendenz, dazu seit 2000 die Essener Kulturgespräche, die Lehrer bedienen sich einer Fortbildung mit Namen SchiLF. Das schafft kein Einzelkämpfer, dazu braucht es eine ganze Mannschaft.

Unsre Sicht der Dinge: Wir haben es oft mit schwierigen Kindern zu tun, also müssen wir etwas tun. Wir können nicht darauf warten, bis irgendwann die richtigen Politiker die richtigen Entscheidungen treffen. Darauf haben wir lange genug gewartet. Wir haben uns gesagt, wir müssen selber anfangen und das tun, was wir für richtig halten. "Wir" ist zunächst einmal eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen gewesen, in der jeder auf seine Weise gesagt hat, "ich fange jetzt an, ich mach dieses, ich mach jenes". Dazu haben wir das Glück, dass die Schulleitung das Ganze unterstützt, Freiräume öffnet und zulässt, und nicht per Diktat verordnet, sondern dynamisch reagiert. Dann hat es sich so entwickelt, als ob man einen Stein ins Wasser wirft, und der zieht Kreise, immer weiter. An der Ausstellung "Mathematik zum Anfassen" war z. B. die ganze Schule beteiligt, alle haben sie gesehen.  Das war zwar ein ziemlicher Aufwand, das zu organisieren, aber alle waren dabei und hinterher haben viele gesagt, "Mensch, das war gut!". Das belebt natürlich unglaublich.

Sehen Sie Ihre Schule auch in einer Vorbildfunktion?

Ich würde es nicht als Vorbild-, sondern als Beispielfunktion sehen. Sie gibt Beispiel, weil ich der Meinung bin, dass jede Schule ihr eigenes Konzept entwickeln muss. Ein Fehler, der vielfach in der Schulpolitik gemacht wird. Man kann die Dinge nicht über einen Kamm scheren. Man muss sehen, mit welchen Menschen man es zu tun hat. Das kann nebenan im Gymnasium ganz anders sein als hier an der Gesamtschule. Es sind andere Schichten, andere Menschen, Da muss man ansetzen. Mit kultureller Arbeit kommt man in der Schule auf jeden Fall weiter.

Was ist für Sie persönlich das Ziel hinter dem Engagement für die Kulturarbeit ?

Hier geht es zum einen um die Frage von Menschlichkeit im tiefen Sinne des Wortes. Kunst und Kultur gehören zum Menschen wie das Brot und das Wasser zum Leben. Menschen ohne Kultur haben vieles nicht, was Menschlichkeit ausmacht, sie haben jedenfalls vieles versäumt. Zum anderen meine ich, dass Kultur die Kinder und Jugendlichen im Fachlichen und in vielen anderen Bereichen voranbringt. Es muss nicht jeder ein Künstler werden, der ein Buch schreibt oder Bilder malt. Es geht um den künstlerischen Prozess, kreativ zu sein, Probleme anzugehen, Ideen zu entwickeln. Das ist es, was unsere Gesellschaft braucht, bis in die Wirtschaft hinein. Aufgrund der Sparmaßnahmen, aufgrund von PISA, wird vieles im musisch-künstlerischen Bereich beiseite gedrängt. Das ist genau der falsche Weg. Im Prinzip müsste man gerade hier noch sehr viel mehr machen, um in den Kernbereichen weiter zu kommen.

Die finanzielle Problematik mal beiseite gestellt, welche Grundlagen müssen aus Ihrer Erfahrung für Kulturarbeit geschaffen werden?

Sie müsste noch sehr viel stärker in den konkreten Unterricht eingebracht werden. Es müssten mehr Spielräume sein, die Lehrpläne müssten entschlackt werden. Es muss Freiraum geschaffen werden. Und: Wir brauchen Zeiträume. Auch das Scheitern in einem künstlerischen Prozess muss erlaubt sein. Daran kann man sehr viel lernen. Diesen Spielraum muss man Kindern, den Menschen generell, geben. Hinzu kommt, dass ich als Lehrer hier vieles vorleben muss, eine Vorbildfunktion übernehme. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann muss ich sagen " Du, entschuldige bitte, das war falsch." Wie sollen es die Kinder sonst lernen, wenn es die Lehrenden, die Eltern nicht vormachen, wie es funktioniert?

Welche Projekte in Ihrer Schule bewerten Sie als besonders erfolgreich und warum?

Im Moment, mit persönlichem Blick, ist das die "Essener Autorenschule", ein Projekt,  das vor eineinhalb Jahren mit dem Geest-Verlag gestartet wurde. Ein Jugendbuchautor kommt in zwei Klassen, hält Unterricht im freien Schreiben, 24 Stunden. Aus dem, was entsteht, wird ein Manuskript erstellt. Der Verlagsleiter führt die Kinder in die Druckkosten-Kalkulation ein, angewandte Mathematik. Dann fahren die Kinder zum Verlag, da wird das Buch selbst gedruckt, und es ist anschließend im Buchhandel käuflich. Entscheidend ist dabei natürlich, dass es die Kinder auch selbst verkaufen. Mit Stolz: "Das habe ich gemacht." Beim Wettbewerb "Kinder zum Olymp" der Kulturstiftung der Länder haben wir jetzt gerade für dieses Projekt einen Preis gewonnen, eine schöne Anerkennung. Aber im Prinzip ist das nur ein aktuelles Projekt unter vielen, jedes andere kann an diese Stelle gesetzt werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten an die Schulräte, die ja die pädagogischen Eckpunkte für den Schulalltag festlegen, was wäre da Ihr Anliegen?

Mal so ganz pauschal gesagt: Bitte lassen Sie die Schule frei!

Das verlangt verantwortliche Lehrer.

Ja. Denke ich schon. Ich habe beispielsweise mit diesen geplanten Abschlussprüfungen kein Problem, wenn sie wirklich qualitativ in Ordnung sind. Da habe ich auch noch Zweifel. Aber wie Schule von oben verwaltet wird, das ist einfach grausam. Wenn man sich beispielsweise anschaut, wie die Lernstandserhebung ELSE zustande gekommen ist: Wir wurden ganz kurz vorher informiert, die Fachkonferenzen waren schon vorbei. Wir haben uns bemüht, wir haben unsre Arbeit getan, wir haben die Auswertungen gemacht, und als wir mit allem fertig waren, kamen die Auswertungsbogen ... das heißt, alles noch mal. Das ist im Prinzip "Standard Schule". Was endlich einmal geleistet werden muss, generell: Alle Vorgaben, die für das kommende Schuljahr gemacht werden, werden so rechtzeitig in die Schule eingebracht, dass sie am Ende des vorhergehenden Schuljahres bekannt und besprochen sind. Damit könnten wir ganz viel Zeit gewinnen. Es ist eine Frage wirtschaftlichen Denkens.

In Ihrer Freizeit widmen Sie sich der Lyrik, schreiben Sie Gedichte. Hilft das, um abzuschalten, oder wo liegen Ihre Beweggründe, die Feder in die Hand zu nehmen?

Ich habe angefangen zu schreiben, weil es eine Möglichkeit ist, mich selbst auszudrücken, eine Möglichkeit, meine eigene Befindlichkeit darzustellen, eine Möglichkeit, mich mit meiner Realität auseinander zu setzen, vielleicht manchmal eine Gegenwelt zu ihr aufzubauen und dann aus der Gegenwelt wieder zurückzukommen, Phantasieräume zu entwickeln. Aber auch, um nicht abzuheben und mich der Realität zu stellen. Die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Lag in der eigenen Erfahrung des Schreibens auch der Motor, um das Projekt "Fremd und doch daheim" anzuregen?

Es spielt mit Sicherheit eine Rolle. Es hat aber auch mit der Autorenschule zu tun, wo ich gemerkt habe, wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche sich erst einmal sprachlich verorten, dass sie sich festlegen "so sehe ich die Dinge" oder "das bin ich momentan" oder "das ist ein bestimmtes Gefühl, das ist eine bestimmte Erfahrung" und das in irgendeiner Art und Weise zur Sprache bringen.

Wie haben Sie die Arbeit in Ihrer eigenen Klasse erlebt?

Unterschiedlich. Einige sagen: "Jetzt muss ich mich mit mir selber auseinandersetzen, das ist mir unangenehm." Das kann ich auch nachvollziehen. Dann kann man nur anregen "Versuch' es doch einfach, du kannst auch gerne diesen Unmut zu Papier bringen" und damit Freiräume öffnen. Sehr positiv ist die Erfahrung da, wo die Schülerinnen und Schüler sprachlich eigentlich durch die Medien ziemlich festgelegt sind und es schaffen, das, was ihnen wichtig ist, in eine eigene Sprache zu bringen, wenn sie über diesen festgelegten Horizont hinausgehen können.

Anregungen zur Individualisierung ...

Richtig. Und das ist ein Prozess, der gerade in der Pubertät ganz wichtig ist.

Welche Themen wurden in ihrer Klasse berührt?

Ganz unterschiedlich, nicht nur von der Form her. In einem Fall hat ein Jugendlicher das Thema aufgeworfen "Ich bin ein Junge, eigentlich möchte ich ein Mädchen sein". Ganz spannend ...

... Fremd im eigenen Körper ...

Ja, sozusagen. Aber das ist eine Erfahrung, die noch anderes spiegelt. Natürlich gibt es die klassischen Themen wie Freundschaft, die erste große Liebe, Liebeskummer. Andere haben die Frage der Migration aufgegriffen, "Ich komme von woanders hierher nach Deutschland, muss mich mit einer anderen Kultur auseinander setzen". Oder nicht nur "Fremd aus einem anderen Land", es gibt auch die Thematik "Fremd in der Stadt." Jemand zieht nach Essen, nach der Scheidung der Eltern, und nun muss sich der Jugendliche mit einem Elternteil ein neues Leben aufbauen, ein neues Zuhause finden. Es ist in Form eines Märchens geschrieben ... "Vorher war ich die Prinzessin, der Prinz, und jetzt muss ich mit anpacken, auf einmal". Gewalt spielt natürlich auch eine Rolle. Alltagserfahrungen im Bus unterwegs, man wird angegriffen. Wie fühlt man sich in diesem Moment? Kinder und Jugendliche sind schnell in der Opferrolle. Sie haben wenig zu sagen, es wird wenig auf sie gehört, selbst dann, wenn man meint, auf sie zu hören, ist es oft das Gegenteil. Das ist eine ganz diffizile Angelegenheit. Ich hoffe sehr, dass man mit diesem Buch ein Sensorium gewinnt, mit dem man arbeiten kann.

Und eine angenehme Pflichtlektüre für alle, die sich verantwortlich sehen in der Stadt. Was erhoffen Sie sich für das Ergebnis der Autorensuche?

Mit jedem Text, der geschrieben ist, ist das Ziel erreicht, dass Jugendliche sich "verorten". Das andere ist der Prozess, um das Ganze nach außen zu tragen. Es wird interessant sein, wie die Stadt Essen damit umgeht. Es ist wichtig zu lesen, wie Kinder und Jugendliche in dieser Stadt empfinden. Ein Buch kann auf diese Weise auch zu einem Sprachrohr werden, das deutlich macht, hier muss die Stadt aktiv werden, hier muss sie etwas für ihre Jugendlichen tun. Vielleicht müssen auch die Eltern etwas tun, die dieses Buch lesen. Eltern, die Kinder in demselben Alter haben, mit ähnlichen Befindlichkeiten. Es wäre toll, wenn ein Prozess entsteht, der positiv auf die Jugendlichen zurück wirkt. Wir haben geplant, in den verschiedenen Stadtteilen Lesungen zu veranstalten, nicht nur um das Buch vorzustellen, sondern vor allem um Diskussionen anzuregen: „Was können wir gemeinsam tun?“ Damit Taten in die richtige Richtung folgen.

Letzte Frage, ganz im Sinne von Erich Kästner ... "Der Mensch soll lernen, nur der Ochse büffelt."... was möchte Artur Nickel noch lernen?

Ich möchte lernen, wie eine Schule noch menschlicher und zukunftsfähiger gestaltet werden kann.

Wir danken für das Gespräch.